„Nachstoppeln" Oder „Diebstahl"?

Im bayerischen Landkreis Miltenberg gab es 2015 vermehrt Ärger: Unbekannte hatten insbesondere bei Nuss- aber auch bei Apfelbäumen größere Mengen an Obst abgeerntet — ohne Wissen und Zustimmung der Besitzer. Nun ist es im Fränkischen ein seit langer Zeit gepflegter Brauch, dass Bürger/innen das nach Allerheiligen (l. November, Feiertag im katholischen Bayern) auf dem Boden liegen gebliebene Fallobst auflesen und für den Eigenverbrauch verwenden bzw. verwerten dürfen. Diese Tätigkeit besitzt sogar eine eigene Begrifflichkeit:

Das „Nachstoppeln" oder „Nachstopfeln". Dieses alte Brauchtum verstößt allerdings gegen die geltende Gesetzeslage. Denn demzufolge ist das Auflesen von Fallobst in jedem Fall eine „rechtswidrige Aneignung fremden Eigentums", sprich Diebstahl. Nur wenn der Grundstückseigentümer zustimmt, darf nachgestoppelt werden. Einige fränkische Ortschaften erlauben das Nachstoppeln auf Gemeindegrundstücken allerdings ausdrücklich und generell. Ursprünglich sollte mit dem Brauch die arme Bevölkerung unterstützt werden. Bürger ohne eigenen Grundbesitz konnten sich so mit Obst und Feldfrüchten für den Winter eindecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit zusammenhängenden Armutswelle hatte das Nachstoppeln vielerorts jedoch so stark zugenommen, dass die Gemeinden Flursperren einrichten mussten, um dem Problem Herr zu werden.

Quelle: PREISSER, Julia (2015): Gammeln statt sammeln; Main-Echo, Kreis Miltenberg, 9.10.2015

Das Brauchtum des eher ländlichen Nachstoppelns entspricht ein bisschen dem aktuellen und eher städtisch "erfundenen" Mundraub (www.mundraub.org). Hierbei geht es um die Beerntung von Obstbäumen, deren Eigentümer einer Ernte durch Dritte ausdrücklich zustimmen — aber auch dort gibt es die eine oder andere Grauzone und gibt es vorsichtig formuliert Missverständnisse, wer wann warum die sowieso immer besser schmeckenden Kirschen in Nachbars Garten pflücken darf...



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